COSIMA FILMTHEATER

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Sonntag, den 16.08.2026:


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Spaziergang nach Syrakus

...zum Bundesstart ab 20. August im Cosima ! 



Regie: Lars Jessen
Besetzung: Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten
97 Min. fsk 6

Er ist wahrscheinlich zurzeit der mit Abstand liebenswerteste Sturkopf im deutschen Film: Charly Hübner macht aus Lars Jessens sanfter Komödie ein sehenswertes Abenteuer über einen zu allem entschlossenen italophilen Kellner aus der DDR, der unbedingt raus – und wieder rein – will. Und so ganz nebenbei entwickelt sich hier, auch und besonders dank Lina Beckmann in der Rolle der Ehefrau des Italien-Fans, eine kongeniale Stilübung in Sachen Beziehungsdrama, die ebenso zärtlich und humorvoll wie schonungslos vom Zusammenleben in schwierigen Zeiten erzählt.

Die Geschichte beginnt 1982 auf einem Schiff der „Weißen Flotte“ – so die offizielle Bezeichnung für die Ausflugsdampfer der DDR, die auf Binnengewässern und in den touristischen Randzonen der Ostsee unterwegs waren. Hier arbeitet Paul als Kellner. „In dieser Zeit reifte in mir der Entschluss, nach Sizilien zu fahren“, verkündet er als Erzähler. Die DDR ist Paul zu klein, und Verbote haben schon sein ganzes Leben nicht die erhoffte Wirkung bei ihm. Er nimmt sie als Aufforderung, nach dem Motto: jetzt erst recht. Wenn er als kleiner Junge Stubenarrest bekam, ist er eben aus dem Fenster gesprungen, die Folgen waren ihm egal. Und so ist es geblieben.

Aber Paul ist glücklich verheiratet, er liebt seine Frau Anne über alle Maßen, und er will sie nicht in die Sache hineinziehen, denn selbstverständlich weiß er, dass jeglicher Versuch, die DDR zu verlassen, als Fluchtversuch schwer bestraft wird. Niemand würde ihm glauben, dass er – was aber der Wahrheit entspricht – auch wieder zurückkommen will. Wenn er allerdings allein, ohne Geld und übers Wasser die Grenze übertritt, wäre die Strafe nicht allzu hoch … Paul beginnt an seinen Plänen zu arbeiten, und dafür braucht er außer Organisationstalent, einem klugen Kopf und guten Kontakten vor allem eines: Geduld. Beinahe 7 Jahre dauert es, bis Paul an die Verwirklichung seines Plans denken kann. Aber in dieser Zeit ist noch mehr passiert, denn ohne es zu merken, setzt Paul seine Beziehung zu Anne aufs Spiel.

Die Handlung beruht lose auf der Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ von F. C. Delius, die wiederum auf eine wahre Begebenheit zurückgeht: Klaus Müller gelang es 1988, von der Insel Hiddensee aus nach Dänemark zu segeln. 8 Monate später kehrte er zurück und wurde lediglich zu einer Geldstrafe verurteilt. Bei ihm, bei Delius und auch hier bei Lars Jessen spielt der Reisebericht des Dichters Johann Gottfried Seume, der 1801/1802 weitestgehend zu Fuß nach Syrakus reiste, eine wichtige Rolle. Dank des Drehbuchs von Heide Kersten und Andreas Kersten (vermutlich ein Pseudonym) hat Lars Jessen nach „Mittagsstunde“ und wieder mit Charly Hübner einen seiner typischen norddeutsch spröden und trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) bewegenden Filme geschaffen – eine sanfte Komödie, manchmal irrwitzig, manchmal beinahe zärtlich, ganz ohne Ostalgie, aber immer glaubwürdig und getragen von einer freundlichen Leichtfüßigkeit. Mit feinster Feder zeichnet Jessen die Stimmung der Anfang 80er Jahre in der DDR nach – ein Land, in dem sich praktisch alle mit Misstrauen begegnen. Und mitten drin Paul Gompitz, ein knorriger, sturer Kerl, der trotzdem irgendwie liebenswert ist. Charly Hübner spielt ihn als schweigsamen Rebellen, der seinen Trotz und seine Abneigung gegen jede Form von Gängelei ganz gut versteckt – nur seine Frau Anne durchschaut ihn irgendwann. Lina Beckmann, die auch im realen Leben mit Charly Hübner verbandelt ist, spielt die Anne mit viel Power und Sensibilität, keinesfalls als still Duldende mit Leidensmiene, sondern im Gegenteil als aufmüpfige und durchaus selbstbewusste Partnerin, die sich wirklich Mühe gibt, um ihre Ehe mit diesem grundsympathischen Teddybären von Mann zu retten.

Lars Jessen erzählt diesmal im Großen und Ganzen chronologisch, aber nicht komplett linear. Die Handlung erstreckt sich insgesamt auf den Zeitraum zwischen 1982 und 2006, aber zwischendurch gibt es immer wieder liebevolle Einsprengsel, die dem Film einen gewissen verspielten Witz geben. Da werden Postkarten lebendig, und Paul verschmilzt mit den Sehenswürdigkeiten aus seinen Wunschträumen – jetzt ist er einer, der dort ist, wo er hinwollte. Aber ist er das wirklich? Ist er wirklich angekommen? Oder anders gesagt: Was hat er davon, dass er mal wieder aus dem Fenster gesprungen ist, obwohl er eigentlich zu Hause bleiben sollte? Das wirft dann auch gleich wieder interessante Fragen auf, zum Beispiel: Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen, um meine Träume zu verwirklichen?

Gaby Sikorski (programmkino.de)



  • https://www.pandorafilm.de/filme/spaziergang-nach-syrakus.html